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josepha 1997
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JOSEPHA ist ein skulpturales Wesen, welches namentlich einem leiblichen und einem künnstlerischen Vater entstammt. Sie besteht aus elterlichen Attributen. Ihr Kleid bewegt sie zwischen Jungfrau, Wunde und Braut.
JOSEPHA is a sculptural being, that derived her name partially from a physical, partially from an artistic father. She consists of parental attributes. Her dress moves her between virgin, wound and bride.
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220 x 115 x 70 cm. Pergament, Eisen, Holz, Gummi, Lack, Pigment, Fäden, neun Garnspulen Greaseproof paper, iron, wood, rubber, varnish, pigment, thread, nine cotton reels
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WER IST JOSEPHA?
Die Künstlerin Freda Heyden, die uns die Inkarnation dieser weiblichen Existenzform vor Augen führt, schweigt sich darüber aus. Sie läßt ganz allein ihre Plastiken sprechen. Diese wiederum orientieren sich an einer Körperlichkeit, die in fleischlichen Übermaßen und dadurch, daß sie vornehmlich ihr Inneres nach außen kehren, monumental wirken.
Steht man vor diesen Gebilden aus Ölpapier, Lack, Gaze und Schaumstoff, sagenhaft saugenden Schlünden, stellt sich ein Zwergengefühl ein. Eine Schrecksekunde lang beschleicht einen der Eindruck, man könnte hineinfallen in diese blutigen Riesenröhren, zerquetscht werden von einem gefährlich sich blähenden Schließmuskel, sich kläglich verheddern in nervigen Netzen und den Zotten der Fleischeslast. JOSEPHAs Köder wurden mit Feischeslist ausgelegt.
Ein Trip durch diese Innereien könnte gefährlich werden. Schmerz und Lust liegen nah beieinander. Wenn man sich vorstellt, als Sonde durch die eigenen Gefäßhöhlen wandern zu müssen, würde das Abenteuer sicherlich groß, der Appetit auf Sülze danach eher gering sein. Das Grauen besteht hier subkutan, es kommt von innen.
Am Schnittpunkt zwischen Seelischem und Somatischem thematisiert Freda Heyden
ihre Vorstellung von der Innenwelt der Menschen. Oder ist das nur JOSEPHAs Welt, die Erfahrungen einer Frau deren Körper zum Fremdkörper wird? In dieser Ausstellung
wuchern Raum und Körper ineinander, keiner weiß, wo vorn und hinten ist.
Die gezeigten Werke entstanden in den letzten zwei Jahren. Zwei amorph schlauch-
artige Gebilde, „zwei Hörner“ genannt, gehören noch in die frühere Phase der langsam plastisch ausgeformten Hohlräume, - zwei rohe, von der Decke hängende Ringmuskel-hälften und der von Eisenstäben aufgezerrte Fleischmantel JOSEPHA zu den installativer gehaltenen Arbeiten jüngeren Datums. In den eigenartigen verholzten Tunnel des einen der zwei Hörner kann man sowohl von der Straße durchs Galerie-Fenster als auch in entgegengesetzter Richtung eindringen.
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Das von der Decke hängende Horn gibt sich von außen verheißungsvoll wie ein lieblich geschwungendes Füllhorn, und wenn man über einen auf dem Boden liegenden Spie-
gel ins Innere guckt, triuphiert nur die Krampfader im verwucherten Schacht.
Mit theatralischem Eifer hat Freda Heyden eine Inszenierung geschaffen, die die Form nicht in trockener Autonomie hält, sondern sie psychoplasmatisch auflädt. Das trifft einen Tiefenschärfebereich, wie wir ihn auch aus Körpererkundungen anderer zeitgenössischer Künstlerinnen, von Mona Hatoum bis Kiki Smith zum Beispiel, kennen.
Freda Heyden, die aus Hamburg stammt und seit 1991 in Berlin lebt, betrachtet Kunst als tatsächliche Knochenarbeit. So, wie sie in ihren Plastiken Schicht um Schicht aufträgt, so reißt sie Haut für Haut den schönen Schein angeblich intakter Existenz auseinander.
Der Oberflächlichkeit des Lebens im Zeitalter der Spaßattacken geht sie mit dem Seziermesser zuleibe, all das unter den posthumanistischen Zeichen von Euthanasie, Gentechnik und plastischer Chirurgie. JOSEPHA kann trotz ihrer weißen, jungfräulichen Hülle ihr Behindertenleben als seelisches und tastbares Pressfleich nicht verbergen.
Freda Heyden illustriert nicht den Körperkult, - die Fragmentierung des Körpers, so wie die Künstlerin sie anschaulich macht, geht tiefer als die modernen Stammesrituale samt Piercing und Branding. Die Ausstellung zeigt nicht das neue, prothesenerweiterte und kosmetisch gestylte Fleisch. Sie erinnert an die Verletzlichkeit des Körpers und akzeptiert seine Unvollkommenheit.
Christoph Tannert, Rede
Galerie am Prater, Berlin
April 1997
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